Hoffnung auf Sanierung
Viele Beschäftigte hoffen, dass es für Teile des Konzerns - etwa das profitable US-Geschäft, die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten oder die Wirecard Bank, die viele Finanztechnologie-Start-ups zu ihren Kunden zählt - eine Zukunft gibt. Noch kurz vor der Insolvenz waren entsprechende Businesspläne erarbeitet worden, damals noch mit Blick auf die Gläubigerbanken. Jaffé hat sich aus früheren Mandaten einen Ruf erarbeitet, profitable Unternehmensteile schnell zu identifizieren und zu verwerten.
Viel Zeit bleibt ihm jedoch nicht. "Der Insolvenzverwalter muss binnen drei Monaten eine Lösung finden, da in dieser Zeit noch das Insolvenzausfallgeld bezahlt wird. Andernfalls droht die Liquidation des Unternehmens", sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität.
Brühl hält es für ein schwieriges Unterfangen, große Teile Wirecards zu retten. "Einen Käufer für den Gesamtkonzern wird man nicht finden. Möglich ist eine sogenannte übertragende Sanierung. Hat der Insolvenzverwalter einen interessierten Käufer an der Hand und weiß genau, welche Teile dieser herauslösen und übernehmen will, dann kann er für diese Teile eine neue Gesellschaft gründen, die von Altschulden und Klagerisiken befreit ist. Für die verbundenen Mitarbeiter wäre dies die zukunftsträchtigste Lösung", erklärt Brühl.
Er gibt zu bedenken: "Der Großteil der über 6000 Arbeitsplätze wird sich nicht retten lassen." So sei bei Technologieunternehmen der Teilverkauf von profitablen Geschäftsbereichen aufgrund zusammenhängender IT-Systeme schwieriger zu bewerkstelligen, was gerade auch für Zahlungsplattformen gelte. "Teilverkäufe aus der Insolvenzmasse werden dadurch erschwert. Die Kaufpreise dafür dürften minimal sein, zumal es keine Garantien gibt", mahnt Brühl.
Überzogene Kundenangaben
Welche Teile Wirecards wirklich werthaltig sind und welche nicht, ist nun die entscheidende Frage. Wie die britische Zeitung "Financial Times" (FT) am Dienstag berichtete, sollen im ersten Halbjahr 2017 rund 100 Kunden für die Hälfte des globalen Umsatzes verantwortlich gewesen sein. Insgesamt soll Wirecard laut internen Dokumenten im Oktober 2017 rund 107.000 Kunden geführt haben. Offiziell hatte der Konzern 2017 von 33.000 großen und mittleren und 170.000 kleinen Händlern gesprochen.
Auch soll nur ein Transaktionsvolumen von 18 Milliarden Euro abgewickelt worden sein, im Unterschied zu den offiziell berichteten 37,9 Milliarden Euro. Der reale, aus diesen Geschäftsbeziehungen resultierende Umsatz hätte demnach nur bei 292 Millionen Euro gelegen, im Gegensatz zu den berichteten 616 Millionen Euro. Zu den größten Kunden gehörten laut FT die Fluggesellschaft Wizz Air und die Onlinebank Monzo, aber auch die halbseidenen zypriotischen Onlinebroker Rodeler und Hoch Capital. Lukrativ war für Wirecard demnach ein Portfolio an Pornoseiten-Kunden mit Margen von rund 15 Prozent.
Sollte die Darstellung stimmen, wäre bereits 2017 die Hälfte des Wirecard-Geschäfts nicht existent gewesen - und die Bedeutung umstrittener Partner größer als gedacht.